26. April 1986 – Europa aufgeschreckt
Die, die es miterlebt haben, wissen sofort, worum es geht – alle anderen haben YouTube. Am 26. April 1986 gab es einen schweren Unfall im Reaktorblock 4 des Tschernobyl-Reaktors bei Prypjat. Doch es gab schon viel früher ein viel schlimmeres Ereignis, welches die Umwelt weitaus höher belastet hat und heute der am meisten radioaktiv verseuchte Ort auf der Erde ist: Tscheljabinsk.
Geografische Lage
Der Majak-Komplex liegt in der Oblast Tscheljabinsk. Majak steht russisch für „Leuchtturm“. Früher trug dieser Ort den Decknamen „Tscheljabinsk-40″, später „Tscheljabinsk-65″. Ortschaften in der Nähe sind unter anderem die geschlossene Stadt Osjorsk (russ.: Stadt am See) und Kyschtym. Majak befindet sich innerhalb der Sperrzone von Osjorsk. Diese Stadt sowie die Anlage waren Jahrzehnte wie viele andere geschlossene Städte der Sowjetunion auf keiner Landkarte verzeichnet. Die Gesamtfläche des Majak-Geländes beträgt 90 km².
Entstehung
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Sowjetunion klar, dass sie schnell in den Besitz von Atomwaffen gelangen musste. So entstand im Eiltempo zwischen 1945 und 1948 die Majak-Anlage. Am 19. Juni 1948 ging dort der erste Reaktor der Sowjetunion in Betrieb. In diesem frühen Zeitraum wurden bis zu 25000 Menschen vor Ort beschäftigt. Die Anlage trug damals den Codenamen „Tscheljabinsk-40″. Der größte Teil des Komplexes wurde dabei unterirdisch errichtet. Die Anlage wurde dann mit insgesamt fünf Reaktoren, die im Laufe der Jahre gebaut wurden, zur Herstellung waffenfähigen Plutoniums benutzt. Später erfolgte dann auch die Weiterverarbeitung und Aufbereitung radioaktiven Abfalls.
29. September 1957
Auf dem Majak-Gelände befanden sich zu der Zeit mehrere Tanks, die zur Lagerung von bei der Aufbereitung entstehenden Rückständen benutzt worden. Diese Tanks müssen aufgrund der radioaktiven Wärme ständig gekühlt werden. In der Kühleitung dieser 250m³-Tanks gab es 1956 ein Leck, wodurch die Inhalte eines Tanks austrockneten. Dadurch enstanden Nitritsalze im Tank und am 29.09.1957 explodierten diese. Es kam also zu einer chemischen Reaktion. Der enthaltene radioaktive Inhalt wurde lediglich mit herausgeschleudert. Eine Radioaktivität von mindestens 400 PBq wurde über 20000 km² verteilt, die hier freigesetzte Radioaktivität liegt damit auf dem Tschernobyl-Level. 90% der Radioaktivität verblieb auf dem Betriebsgelände, 10% wurde nordöstlich bis zu 400 km verteilt (Ostural-Spur). Die Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse ordnet den Unfall als INES-6 ein, also die zweithöchste Katastrophe. Tschernobyl wurde hingegen als einziges Ereignis als INES-7 eingestuft.
Dadurch, dass die Verseuchung nur lokal bzw. östlich des Urals stattfand, blieb dieser Vorfall über viele Jahre geheim. Am 01. Mai 1960 wurde der US-amerikanische Pilot Francis Gary Powers in der Nähe vom heutigen Jekaterinburg von einer sowjetischen S-75 Dvina Boden-Luft-Rakete abgeschossen und gefangen genommen. Er überflog mit dem Spionageflugzeug U-2 Dragon Lady mehrere für die USA interessante Orte in der Sowjetunion. Als einer der letzten Punkte stand die Majak-Anlage auf seinem Plan. Durch Triebwerkprobleme musste er jedoch tiefer fliegen und kam so in die Reichweite von sowjetischen Luftabwehrraketen. Ziel bei Majak war das Fotografieren der Majak-Anlage mit Wärmebildkameras. Dadurch kann die Leistung von Reaktoren und so der ungefähre Ausstoß waffenfähigen Materials berechnet werden.
Durch den sowjetischen Dissidenten und Journalisten Schores Alexandrowitsch Medwedew kamen 1976 erste Informationen über den Majak-Vorfall an die Öffentlichkeit. Doch Medwedew behauptete, dass es eine atomare Explosion gewesen sei. Da die Ausbreitung und andere Faktoren dagegen sprachen, wurde im von westlichen Wissenschaftlern nicht geglaubt, wodurch sich niemand dafür richtig interessierte. Medwedew vermutete dahinter auch, dass die westliche Welt den Bau atomarer Anlagen weniger gefährlich aussehen lassen wollte. Des Weiteren behauptete er, dass die CIA schon viel früher von dem Vorfall wusste. 1979 erschien ein Buch von ihm, 1989 gab die sowjetische Führung offiziell den Vorfall zu. Er wurde als Kyschtym-Unfall bekannt, da Osjorsk, was wesentlich näher liegt, erst 2001 auf Landkarten erschien.
Karatschai-See
Der in der Nähe von Kyschtym befindliche Karatschai-See ist laut einem Bericht des Worldwatch Institutes der am stärksten verschmutzte Ort der Welt. Ab 1951 lagerte die Sowjetunion direkt im See radioaktive Abfälle, nachdem man von 1949 bis 1956 den Abfall nur im Tetscha-Flusssystem entsorgte. Der Karatschai-See wurde gewählt, da er keine oberirdischen Abläufe besaß. 1953 begann man dann mit der Lagerung in Tanks. In den sechziger Jahren begann der See auszutrocknen. 1951 betrug die Fläche noch 0,5km², 1993 nur 0,15km². 1968 gab es eine Dürre, wodurch Radioaktivität aus dem See weit verteilt wurde, die dem Hiroshima-Niveau entspricht. 1978-1986 wurde der See vollständig betoniert und abgedeckt. Am Ufer existiert eine Strahlung von bis zu 600 R/h (Röntgen pro Stunde), was ungeschützt nach einer Stunde tödlich ist. Zukünftig geht man davon aus, dass das Grundwasser die Strahlung in den Ob und Tetscha leitet und es den Arktischen Ozean erreicht.
Weitere Vorfälle bei der Majak-Anlage nach 1957
Am 25. Oktober 2007 lief radioaktive Flüssigkeit aus einem Tank ca. 1,5km auf einer Straße entlang. Der Boden wurde abgetragen und versiegelt. Umweltschäden soll es laut der russischen Regierung nicht geben.
Fazit
Das Gebiet um die Majak-Anlage ist der heute am stärksten radioaktiv verseuchte Ort auf der Welt. Die Wirkungen auf die Umwelt sind viel zu wenig erforscht worden und eine öffentliche Wahrnehmung fehlt. Fast jeder kennt den Tschernobyl-Vorfall, kaum jemand den Majak-Vorfall. Das liegt vor allem daran, dass Europa nicht betroffen ist.




















